Das Berühren der Welt

Ess­nauf Re­der war er­schie­nen und hat­te uns dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das Es­sen ser­viert sei. Wir er­klom­men so­dann die nächs­te Ebe­ne bis hin zum Deck, auf dem ein schön ar­ran­gier­ter Ess­tisch auf uns war­te­te. Ich be­merk­te ein Ge­deck zu viel, das da am Tisch lag. Eben­so hat­te Ess­nauf ei­nen Ses­sel hin­ge­stellt, der leer blieb.

»Er­war­ten wir noch je­man­den? frag­te ich neu­gie­rig.«
»Man weiß nie wer noch vor­bei­schaut«, sag­te Cor­ne­li­us bei­läu­fig, wäh­rend er Platz nahm.
»Im Ernst?«
»Ja, es ist geo­de­ti­sche Tra­di­ti­on die Ta­fel bes­ser ein­mal mehr als ein­mal we­ni­ger zu de­cken.«
»Wie kommt das?«
»Ei­ne der vie­len Ge­schich­ten der Mar­loks«, ant­wor­te­te er. »Doch in al­lem ist ein wah­rer Kern zu fin­den, und das wol­len wir be­her­zi­gen.«
»Ei­ne Ar­beit mehr für Ess­nauf«.
»Ein Fluch we­ni­ger für uns«, füg­te er lä­chelnd hin­zu.

Wir hat­ten ei­nen lan­gen Tag hin­ter uns und die­ser hat­te sich bei al­len be­merk­bar ge­macht. Ne­ben den üb­li­chen Uten­si­li­en, Back­pfei­fen und Tee be­tref­fend, war der Tisch recht über­sicht­lich ar­ran­giert. An sämt­li­chen Stel­len des Schiffs hat­te der Hy­brid die schöns­ten La­ter­nen ent­facht die ich je ge­se­hen hat­te. Ich war ziem­lich fas­zi­niert von die­sem stil­vol­len Am­bi­en­te, das der Platz jetzt auf­wies. Ab­ge­se­hen vom lei­sen Sum­men des An­ti­gra­vi­ta­ti­ons­mo­tors, der das Schiff in Schwe­be hielt, war al­les ru­hig.

Ei­ne fri­sche Bri­se kam auf. Sie be­weg­te die La­ter­nen ein we­nig, was ein in­ter­es­san­tes Licht- und Schat­ten­spiel her­vor­rief. Ich war froh, dass uns kei­ne In­sek­ten be­läs­tig­ten.
»Das liegt wie­der mal an den ben­ga­li­schen Ker­zen«, mein­te Me­lin­da. »Die Mos­ka­den mei­den sie wie die Pest.«
Jetzt wo sie es sag­te wur­de mir klar, dass sich au­ßer­halb der Reich­wei­te der La­ter­nen in der Dun­kel­heit drau­ßen doch ei­ne Men­ge an Vie­chern her­um­trieb, die uns oh­ne dem ro­ten Licht zwei­fel­los in Scha­ren über­fal­len hät­ten. Be­glei­tend da­zu setz­te ei­ne Ge­räusch­ku­lis­se ein, die ich vor­her nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Me­lin­da sag­te, es sei des­we­gen, weil sie mich dar­auf auf­merk­sam ge­macht hat, und es mir jetzt be­wusst sei. Taufa be­stä­tig­te die Ma­ni­pu­la­ti­on der be­wuss­ten Wahr­neh­mung und er­klär­te, dass die uns um­ge­ben­de Rea­li­tät wie Was­ser sei, das Wel­len aus­sen­det so­bald es be­rührt wird.
Cor­ne­li­us füg­te er­gän­zend hin­zu, dass es ei­ner be­wuss­ten Hal­tung be­darf, um ein sol­ches Ver­ständ­nis der Welt zu er­lan­gen. All dies zu be­grei­fen, oh­ne der Phi­lo­so­phie die da­hin­ter steht, wä­re ziem­lich schwie­rig. Ei­ne Ma­es­tra wie Me­lin­da ha­be zwar nicht die Aus­bil­dung der Ma­gi­er, aber ge­nü­gend Ver­ständ­nis für den In­halt der Bot­schaft.

Er knall­te mit der fla­chen Hand auf den Tisch und frag­te kur­zer­hand in die Run­de: »Wie wä­re es mit ei­nem prak­ti­schen Bei­spiel?«
Ich blick­te ihn er­war­tungs­voll an. »Wel­ches Bei­spiel meint ihr?«
»Ein Bei­spiel der Wahr­neh­mung«, sag­te er und füg­te hin­zu, dass ihm Taufa da­bei as­sis­tie­ren wird.
»Seht Euch vor und passt gut auf.«
Taufa, die zu mei­ner Rech­ten am Tisch saß, krächz­te ein lei­ses »Sim­sa­la­bim«. Cor­ne­li­us zu mei­ner Lin­ken beug­te sich nach vorn und for­der­te sie auf es noch ein­mal zu pro­bie­ren, da es of­fen­bar nicht funk­tio­niert hat. Sie aber mein­te, das hät­te es sehr wohl, und zwar so gut, dass nicht mal er et­was da­von ge­merkt hat.
»Nun, was ha­be ich ge­macht?« frag­te sie in ei­ner her­aus­for­dern­den Art und biss in ein Stück Brot­fla­den. Cor­ne­li­us lä­chel­te und setz­te sich uns ge­gen­über auf den lee­ren Stuhl. Da­bei wirk­te er als wä­re er in ei­nem tran­ce­ar­ti­gen Zu­stand, und das be­un­ru­hig­te mich. Ich hat­te den Ein­druck als wä­re es nicht er, son­dern je­mand an­ders.
Sie flüs­ter­te mir zu, es sei rich­tig an sei­ner Ge­stalt zu zwei­feln. Nun müs­se ich mich nur mei­nem Ge­fühl über­las­sen und das Den­ken sein las­sen, al­les an­de­re er­gä­be sich von selbst. Ich flüs­ter­te zu­rück, ob sie eben tat­säch­lich mei­ne Ge­dan­ken er­ra­ten hät­te. Sie ver­nein­te dies, je­doch hät­te sie an mei­nem zwei­feln­dem Blick er­kannt, dass mir et­was an ihm auf­ge­fal­len sei. Wäh­rend­des­sen schiel­te sie zur Re­ling hin­über und blick­te dann zum Him­mel, als wür­de sie auf ir­gend­et­was war­ten. Cor­ne­li­us ver­ließ in­des­sen wie­der sei­nen Stuhl und schritt vor uns auf und ab. Ein­mal hat­te ich den Ein­druck, als hät­te er et­was zu sa­gen. Viel­leicht hat­ten die zwei et­was ver­ein­bart, dass ihm ent­fal­len sei, oder er über­leg­te sich ein­fach ei­ne an­de­re Form der Dar­stel­lung. Dann aber schien ihm doch et­was ein­ge­fal­len zu sein. Er trat an den Tisch und klopf­te ein paar­mal dar­auf. Es war zu­erst ein lei­ses Klop­fen das all­mäh­lich im­mer lau­ter wur­de und sich zeit­gleich zu ei­nem Rhyth­mus ent­wi­ckel­te. Ab ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt hat­te ich den Ein­druck, als wür­de sein Takt ei­nen Im­puls aus­lö­sen, der das gan­ze Schiff er­fasst. Da war ein leich­tes Pul­sie­ren, das zu­nächst von Ach­tern zu kom­men schien und die Plan­ken leicht er­zit­tern ließ. Die star­re Re­so­nanz ver­wan­del­te sich all­mäh­lich spür­bar in ei­ne flüs­si­ge Wel­len­be­we­gung, die am En­de das Schiff zum Schwan­ken brach­te, als wä­ren wir auf ho­her See. Cor­ne­li­us’ Ant­litz hat­te sich in­des­sen in ein fie­ses Grin­sen ver­wan­delt. Es hat­te et­was von ei­nem Frei­beu­ter an sich. Wie auch im­mer er es be­werk­stel­lig­te, ich war von die­ser In­sze­nie­rung fas­zi­niert, wenn­gleich es mir auch ein we­nig Furcht ein­flöß­te.